Mittwoch, 2. April 2008

Die Wohlgesinnten, Lesetagebuch - Teil 3

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Vor zwei Tagen bin ich in meiner Lektüre zunächst auf Seite 159 stecken geblieben, nachdem auf den letzten 100 Seiten – wie soll das nur auf den folgenden 1200 Seiten weitergehen? – pausenlos aufs grausamste massakriert und gemordet wurde. Von den Deutschen begründet mit den perfidesten Lügen und Verleumdungen.

Eins ist jedenfalls schon jetzt klar: Es hat überhaupt keinen Sinn, diesen Roman in der sonst üblichen Weise einer knappen Inhaltszusammenfassung darzustellen. Jedenfalls nicht in der relativen Vollständigkeit die ich sonst gewählt hatte. Andererseits glaube ich trotzdem schon zu erkennen, dass der Roman nicht jenes vernichtende Urteil verdient hat, welches ein Großteil der Kritikerinnen und Kritiker des deutschsprachigen Feuilletons dafür hatten. Die ernsthafte Beschäftigung damit kann sehr wohl lohnend und nützlich sein!

Wie gesagt, ich hatte meine Lektüre unterbrochen. Und zwar um mich nach dieser Aneinanderreihung von Grausamkeiten, gespickt mit Aues perversen Gedankengängen, ein wenig mit „Sekundärliteratur“ zu beschäftigen. Auslöser war der, vom zurückgekehrten Standartenführer Bobel überbrachte, Befehl, ab jetzt seien alle Juden zu töten (S. 143f). Gemeint war: nicht nur die Männer sondern auch Frauen und Kinder! Außerdem Aues Einteilung der Mörder in drei verschiedene Charaktertypen (S. 153).

Also zog ich Michael Burleighs Gesamtdarstellung des Nationalsozialismus und Daniel J. Goldhagens Hitlers willige Vollstrecker aus dem Bücherregal um mich ein wenig mit den historischen Fakten zu beschäftigen. Zwar wurde in einigen Rezensionen bereits auf Littells akribischen Umgang mit diesen hingewiesen, ich möchte aber die Arbeit an den Wohlgesinnten dazu nutzen, mich selbst tiefgreifender mit den Verbrechen der Nazis zu beschäftigen.

Die Lektüre der Abschnitte „Verbrechen ohne Krieg“ aus dem siebten und „Der Mord an den sowjetischen Juden“ aus dem achten Kapitel von Burleighs Buch bestätigt die Aussagen der Rezensenten. Burleigh schreibt, von der Propagandalüge, die den Bolschewismus den Juden zuschreibt. Allerdings auch, dass diese Lüge von vielen Tätern als das erkannt wurde was sie war. Auch herrschten keineswegs immer strikte Weisungen, wie mit der jüdischen Bevölkerung zu verfahren (wie zynisch das klingt, angesichts dieser Verbrechen!) sei. Die Einsatzkommandos hatten durchaus einige Interpretationsfreiheit bei den Befehlen.

SS und Wehrmacht arbeiteten, nach Burleigh, an der Ostfront oft Hand in Hand. Also von wegen „saubere Wehrmacht“, wie es in der Vergangenheit immer wieder als Argument der Schuldabweisung gebraucht wurde.



Seit ich den oberen Abschnitt geschrieben habe sind ein paar Tage vergangen, den ich, da ich im Moment zuhause kein Internet habe, bisher noch nicht veröffentlicht hatte. Mittlerweile habe ich Die Wohlgesinnten ein wenig weitergelesen und habe herausgefunden, wie es auf den folgenden Seiten weitergeht.

Nachdem von der Roten Armee (?) im eingenommenen Kiew Sabotageakte verübt wurden, beginnt die deutsche Propagandamaschine wieder zu arbeiten. Juden sollen die Drahtzieher des Bolschewismus sein und daher auch die Schuldigen für die Brandanschläge. Was daraus wird ist das grausamste und erschütternste was ich jemals gelesen habe. Von den 150.000 in Kiew lebenden Juden sollen 50.000 in einer „Vergeltungs- und Vorbeugemaßnahme“ liquidiert werden. Es handelt sich um das am 19. September 1941 verübte Massaker von Babyn Jar. Die Durchführung dieser völlig surreal wirkenden Szenerie wird in voller Bandbreite und in all ihrer Perversität geschildert. Ob die Beschreibung solch einer Szene wirklich nötig war, um zu zeigen welch fürchterliche Verbrechen vom deutschen Nationalsozialismus begangen wurden, ich weiß es nicht!

Während die gutgläubigen Opfer der Lüge einer vorgesehenen Umsiedlung glauben und so freiwillig in die Arme Tätern gehen, betäuben sich diese im Rum, um dann zu morden und zu schlachten.

Vor ein paar Wochen habe ich Jean Amérys Essay Jenseits von Schuld und Sühne als Hörbuch gehört, worin er, als er von dem Gebäude in Belgien berichtet in dem er vom SD verhört und gefoltert wurde, den Satz schreibt: „Geschäftszimmer, jeder ging an sein Geschäft und ihres war der Mord.“


"Unermüdlich, methodisch fuhr der von uns eingerichtete gigantische Apparat damit fort, diese Menschen zu vernichten. Es schien nie aufzuhören. Seit den Anfängen der menschlichen Geschichte war der Krieg stets als das größte aller Übel wahrgenommen worden. Doch wir, wir hatten etwas erfunden, neben dem der Krieg richtig und rein erschien, etwas, dem schon jetzt viele dadurch zu entgehen suchten, dass sie sich in die elementaren Sicherheiten von Krieg und Front flüchteten. Selbst die wahnwitzigen Schlächtereien des Ersten Weltkriegs, die unsere Väter und einige unserer älteren Offiziere miterlebt hatten, erschienen fast sauber und gerecht gegenüber dem, was wir in die Welt gebracht hatten. Ich fand das außerordentlich. Mir schien es etwas ganz Entscheidendes zu sein, etwas, was mir, wenn ich es verstünde, erlauben würde, alles zu verstehen und mich endlich auszuruhen."

Dies, Aues Gedanken als er sich mit warmem Tee und Zigarette eine kurze Unterbrechung in seinem "Geschäft" gönnt.

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hallo.
Ich mochte mit Ihrer Website teilnehmende-beobachtungen.blogspot.com Links tauschen

nullmeridian hat gesagt…

Wie darf ich das verstehen?